Auszüge aus meinen Büchern:

"Aber schön war es doch"

 

 

"20 Jahre Urlaub - oder war es doch harte Arbeit"

Eine Reiseleiterin erzählt

 

"Wenn schon, denn schon"

Ein Stück Leben

 

 

Aber schön war es doch

Exposé

Ingrid Reips hat mit ihrem Erfahrungsbericht ihr Leben in all seiner facettenreichen Abwechslung festgehalten. Die Autorin und Protagonistin des überaus amüsant und leicht geschriebenen Werkes war sich schon früh über den Ablauf ihres Lebens im Klaren: Heirat, Kinder, Enkel, das ganz normale Programm also. Daß dennoch gerade deshalb alles anders kommt, wen wundert`s? Mit leichter Ironie, heiterem Understatement oder ganz einfach nüchtern und mehr oder weniger ernst schildert Ingrid Reips die Ereignisse ihres Lebens. Und die sind zahlreich und sehr bunt. Schon sehr früh beginnt die Protagonistin sich für Fremdsprachen zu interessieren. Englisch ist die erste Sprache und London die erste ausländische Stadt, die sie auf ihrem neuen Zukunftsplan stehen hat. Schnell sind frühe Heirat und viele Kinder in den Hintergrund gedrängt und andere, weitere Ziele für das Leben gesteckt.. Nach London folgt Stockholm und wieder bewährt sich der natürliche Instinkt der jungen au-pair-Frau für das Pragmatische im Leben. Wie schon in London, weiß sie sehr gut mit dem knappen Budget und der ungeliebten Hausarbeit umzugehen. Was sie an Lebenserfahrung während dieser Zeit der längeren Auslandsaufenthalte sammeln kann,wird ihr so manche Situation im späteren Leben erleichtern. Nach größeren Touren durch Skandinavien und Dänemark folgt der erste Aufenthalt auf Island - ein Abenteuer der ganz besonderen Art. Danach kommen Reisen in den Süden, nach Italien, Südfrankreich und, was es sonst noch so an reizenden Orten in dieser Sphäre der Welt gibt. Reisen, Reisen und nochmal Reisen heißt das Motto der Globetrotterin Ingrid Reips. Und was die erfahrene Reisende ihren Lesern zu staunen gibt, ist des Lebens bunte Fülle zwischen Island, der Cote d'Azur und den sieben Weltmeeren. Kurzum, Aber schön war es doch, ein Buch für alle, die gerne reisen, aber auch für die, die in ihrem Leben mehr Zuhause geblieben sind, als sich in der Welt zu tummeln. (A.L.)

 

Auszug:

 ...In erster Linie sind es Erinnerungen, die weniger mit irgendwelchen Sehenswürdigkeiten zu tun haben als vielmehr mit menschlichen Begegnungen (meistens recht komischen), die letztendlich besonders im Gedächtnis bleiben.

Wie z.B. das Erlebnis aus meiner ersten Saison in Montenegro. Wir hatten uns zu viert einen Mietwagen genommen, weil wir einen Tip bekommen hatten, daß es in einem abgelegenen unbekannten Dorf ein winziges Restaurant gäbe, welches die besten Steaks weit und breit biete. Wir machten uns also auf den Weg. Die Beschreibung war gut gewesen, wir fanden die Abzweigung, die enge Holperstraße, und schon waren wir in dem urigen Dorf angekommen. Und linker Hand war auch schon das kleine Restaurant. Auf der Terrasse davor saßen einige alte Männer, also gingen wir in den relativ kleinen Gastraum. Der große runde Tisch in der Mitte war genau richtig für uns. Wir hatten genug Kenntnisse von der Landessprache, um dann der Bedienung, die schüchtern und vorsichtig zu uns kam, zu erklären, daß wir etwas zu essen bestellen möchten. Als sie uns anbot, die restliche Gemüsesuppe vom Mittag zu bringen, lehnten wir lachend ab und erklärten, wir wollten schon etwas Richtiges, ein ordentliches Stück Fleisch und vorher etwas Schinken und Käse, ach ja, und Wein dazu sei auch nicht schlecht.

In einer Ecke des Raums saß ein uraltes schwarz gekleidetes Mütterchen, welches geräuschlos aus dem Haus huschte, während uns die Bedienung den gewünschten Wein brachte. Dann fragte ich nach den Toiletten. Ich wurde aus dem Raum geführt, die Treppe hoch, durch ein Schlafzimmer, in ein Bad. Als ich die Windeln in der Badewanne sah und die Zahnbürsten im Glas, wurde mir klar, daß wir in einem Privathaus waren und überhaupt nicht in dem gesuchten Restaurant.

Zurück am Tisch - wo inzwischen unser Essen stand - informierte ich die anderen von meiner peinlichen Entdeckung. Auch ihnen war inzwischen schon aufgefallen, daß es für ein Restaurant eigentlich sehr wenig Tische und Stühle in dem Raum gab. Was soll ich noch lange erzählen, das Essen war köstlich! Kleinere Probleme gab es nur, als wir die Rechnung verlangten. Mit Hilfe der Männer auf der Terrasse, und wahrscheinlich des halben Dorfes, wurde lange beraten und gerechnet. Der Betrag, den man dann aufschrieb, kann praktisch nur der Einkaufspreis gewesen sein. Da wir in etwa wußten, was ein erstklassiges Essen in einem teuren Restaurant in Dubrovnik kosten würde, legten wir die entsprechende Summe auf den Tisch und versuchten noch wortreich,l unseren Irrtum aufzuklären. Beim Verlassen dieses gastlichen Hauses sahen wir übrigens zwei Türen weiter die Reklame für das richtige Restaurant.

Ich versuche immer, mir diese Geschichte umgekehrt vorzustellen: Ich sitze zu Hause im Garten, vier Fremde laufen an mir vorbei und setzen sich in mein Wohnzimmer, um mich dann aufzufordern, ihnen etwas Vernünftiges zum Essen zu bringen ...

 

20 Jahre Urlaub – oder war es doch harte Arbeit?

Eine Reiseleiterin erzählt

Exposé

Das Buch umfaßt 262 Seiten, die in 34 Kapitel unterteilt sind und den Reisestationen der Protagonistin folgen. Der Bericht beginnt und schließt mit einem Gedicht.

In dem autobiographischen Bericht einer Reiseleiterin, die 20 Jahre in diesem Beruf gearbeitet hat, läßt die Autorin Erlebnisse, die sie in der ganzen Welt gemacht hat, noch einmal Revue passieren. Der Leser wird in die Thematik durch ihre Einarbeitung in diesen Job eingeführt. Nach und nach findet sich die Protaginistin in die Arbeiten ein und meistert so manche Schwierigkeiten, die über verschollenes Gepäck bis zu einer kranken Reisegruppe reichen. Sie lernt bei ihren Reisen viele Menschen und vor allem Länder mit ihren verschiedenen Kulturen kennen. Die größten Schwierigkeiten ergeben sich für sie immer dann, wenn ein Reiseziel neu erschlossen wird und sie quasi "Pionierarbeit" leisten muß. Doch trotz aller Probleme und Hindernisse macht der Heldin die Arbeit in fremden Ländern mit vielen verschiedenartigen Menschen - meistens - sehr viel Spaß. Nach 20 Jahren in diesem aufregenden (und aufreibenden) Beruf beschließt die Protagonistin zu kündigen und erlebt eine abschließende Saison auf der griechischen Insel Chios, die sie zu ihrer Trauminsel auserwählt.

Zum Abschluß gibt die Autorin noch einen Ausblick auf ihr zukünftiges Leben, das nun schon fast sieben Jahre dauert. Sie kommt zu der Feststellung, daß sie die 20 Jahre mit ihren Abenteuern nicht missen möchte, aber doch zum richtigen Zeitpunkt aufgehört hat.

Der Bericht beginnt mit der Einstellung in den neuen Beruf und schildert chronologisch die Erlebnisse der Ich-Erzählerin. Der Text ist flüssig zu lesen, obwohl keine wörtliche Rede eingefügt ist. Gespräche werden über indirekte Rede wiedergegeben. Gedanken und Beurteilungen zu bestimmten Personen oder Ereignissen sind in Klammern gesetzt, was den Lesefluß aber nicht stört, sondern meistens zum Lächeln anregt.Insgesamt ist dieser Bericht leicht und unterhaltsam geschrieben und gibt bestimmt für so manche junge Frau einen Motivationsschub, sich dem "Traumberuf" Reiseleiterin zu nähern. Aber auch der Tourist, der ja wohl in jedem von uns steckt, wird sich dieses Buch gerne durchlesen, da es mal die "andere" Seite beschreibt. Vielleicht findet der eine oder andere sich in mancher Situation wieder.

Obwohl die Autorin sicherlich zu jeder Station ein Buch füllen könnte, beschränkt sie sich auf die "Highlights" jeder Saison, so daß der Leser sofort in die Ereignisse eisteigen und sie mit Spannung nachlesen kann.

 

Auszüge:

...Während der Sumatra-Rundreise unternahmen wir eine ausgedehnte Wanderung durch den tropischen Regenwald zum Orang-Utan-Schutzgebiet. Da ich durch den steilen Anstieg und die schwüle Hitze dabei ab und zu unangenehm meinen Kreislauf spürte, nahm ich sicherheitshalber am Tag zuvor Medikamente ein. Mein Kaffee stand auf der Terrasse, deshalb legte ich die Tablette hin um die Tasse zu holen. Mit dem Kaffee in der Hand schaute ich erstaunt auf den Tisch – nichts! Hatte ich nur vorgehabt, eine hinzulegen und es dann vergessen? Schon komisch! Also holte ich eine neue Tablette und wollte sie gerade schlucken, als das Telefon klingelte. Zurück zum Tisch – wieder nichts! Einmal konnte ich mich ja getäuscht haben, aber gleich zweimal? Also legte ich erneut eine hin, setzte mich aufs Bett und wartete. Siehe da, ganz vorsichtig am Tischbein hoch kletterte ein Gecko, huschte über die Platte und schon war auch die dritte Tablette verschwunden! Ich kann nur hoffen, daß ihm das Kreislaufmittel gut bekommen ist...

 ... Während der mehrstündigen Bahnfahrt durch die Anden hielt der Zug  ruckartig und ich wußte, daß keine Station in der Nähe war. Ich stieg aus und sah zu meiner Verblüffung, weit voraus unsere Lok entschwinden. Sie hatte schlicht und einfach die Waggons auf der holprigen Strecke abgehängt. Natürlich fanden alle das zunächst recht lustig. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis der Ausreißer wieder zurückkehrte. Leider war es nicht, wie ich gehofft hatte, mit einfachem „Einhängen” erledigt, sondern der Schaden mußte erst behoben werden und die entsprechenden Ersatzteile waren nicht vorhanden. Das konnte lange dauern. Die gleichen Gäste, die das Geschehen vorher noch als aufregend und abenteuerlich gepriesen hatten, fingen jetzt an zu nörgeln. Unter vielen Schwierigkeiten gelang es mir, einen Bus zu organisieren, zwar uralt und klapprig, aber immerhin! Ich hatte mir ausgerechnet, daß wir unser Ziel voraussichtlich in knapp drei Stunden erreichen würden. Das hoffte ich zumindest, denn die Landstraße war übersät mit Schlaglöchern und die Fahrt nicht gerade bequem. Zu allem Überfluß überholte uns nach etwa zwei Stunden der Zug und die Gäste, die vorher am lautesten einen Bus forderten, meckerten nun los, wir hätten doch lieber warten sollen. Ich hatte den Eindruck, sofern eine Lok schadenfroh grinsen kann, tat sie das im Vorbeifahren...

Wenn schon, denn schon

Ein Stück Leben

Humorvolle, selbstironische und unterhaltsame Geschichten begegnen dem Leser in diesem Buch. Basis der Erzählungen sind dabei die Reiseabenteuer der Autorin, doch auch die Abenteuer des Alltags, ihrer Kindheit und Jugend. Auch in den abschließenden fiktionalen Erzählungen besticht die Autorin mit ihrer präzisen und einfachen Sprache. Selbst Menschen aus anderen Regionen und Zeiten scheinen dem Leser sehr rasch vertraut. So kann er das Handlungsgeschehen miterleben, wird Distanz aufgehoben, einfach ein Lesevergnügen.
Beim Lesen entwickelt der Leser das Bedürfnis, das Reisefieber und das Abenteuer der Autorin zu teilen. Er beginnt über eigene Erlebnisse an nachzudenken, kann die Gefühle der Autorin teilen und streift so in seinen eigenen Gefühlen mit der Autorin um die Welt. Nehmen auch Sie an diesem Streifzug in die Welt teil.
Alfred Büngen, Leiter Geest-Verlag

Kieler Nachrichten
(Kieler Szenen)

…bei einer gut besuchten Lesung des Verbandes der Schriftsteller in Schleswig-Holstein im Hotel Maritim machte INGRID REIPS den Anfang.
Die in Kaiserslautern geborene Autorin, die ihre als Au-pair-Mädchen erworbenen Fremdsprachenkenntnisse später als Reiseleiterin in aller Welt anwendete, ist dem Publikum vor allem durch ihre aufgeschriebenen Reiseabenteuer bekannt. In ihrem neuen Buch Wenn schon, denn schon! Geht es um Reisen anderer Art: In ihre Kindheit und Jugend entführt die 59-jährige den Leser und befasst sich darüber hinaus mit den ganz alltäglichen Abenteuern, die sich vor ihrer Kieler Haustür abspielen. Leicht und flott, mit selbstironischem Unterton gewürzt, erzählt sie von hausfraulichen Missgeschicken und von sportlichen Mutproben, einfühlsam schildert sie Begegnungen mit Armut und Not.
Sabine Tholund KN
01.10.03

Auszüge:


Die perfekte Hausfrau

Ein kritischer Blick in den Spiegel bestätigt mir, was ich eigentlich sowieso schon weiß: Diese Hose ist einfach zu lang. Zwar könnte ich mir jetzt einreden, daß es daran liegt, daß ich dank meiner fast „übermenschlichen“ Bemühungen mal wieder einige Pfunde abgenommen habe und zum Zeichen meines Erfolges die Hosenbeine über den Boden schleifen lassen. Natürlich müsste ich dann nur abwarten, bis ich mir die Hose sozusagen wieder passend gefuttert habe, denn es wird erfahrungsgemäß nicht lange dauern, bis ich wieder zunehme. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, war die Hose auch schon vorher zu lang.

Also werde ich wohl ein gutes Werk tun und den netten Schneider an der Ecke mal wieder etwas verdienen lassen. Andererseits trage ich das gute Stück fast nur in der Wohnung oder höchstens mal um schnell zum nächsten Briefkasten zu laufen oder zur Mülltonne. Und dafür extra Geld für die Änderung ausgeben? Nein, das muß nicht sein! Zwar habe ich keine Nähmaschine, aber – auch wenn es wohl kaum jemand glauben mag – ich besitze ein Nähkästchen. Es ist ein Überbleibsel aus Kindertagen, als es immer wieder gelang, mir mit solchen praktischen und ach so nützlichen Weihnachtsgeschenken das Fest zu verderben. In diesem ungeliebten Nähkästchen befindet sich auch eine Art Klebeband, welches es, mit Hilfe eines heißen Bügeleisens spielend leicht machen soll, Hosenbeine zu kürzen. Sofort mache ich mich an die Arbeit. Ganz so einfach, wie es die beiliegende Gebrauchsanweisung verspricht, ist es allerdings doch nicht. Denn wenn ich dieses hauchdünne Band auf den Stoff lege und dann versuche, den Saum entsprechend umzuschlagen, verrutscht der Klebestreifen. Wenn ich aber erst den Saum umlege, ist es recht mühselig, den Streifen dazwischen zu schieben. Vor allem soll er auf keinen Fall überstehen, empfiehlt zumindest der Beipackzettel, der so abgefasst ist, daß nur noch der Zusatz fehlt: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker…Aber auch ohne Arzt oder Apotheker gelingt es mir dann doch, auch wenn es so lange dauert, daß ich mir inzwischen überlege, daß eine „echte Hausfrau“ die beiden Säume inzwischen schon längst mit der Hand umgenäht hätte.
Jetzt nur noch das feuchte Tuch drauf und mit dem heißen Bügeleisen drüber, fertig! Beim zweiten Hosenbein klappt es schon viel besser.Stolz bewundere ich mein Werk. Mist! Ich habe doch tatsächlich das eine Hosenbein nach außen umgeschlagen! Jetzt kann ich nur hoffen, daß das gute Mittel nicht wirklich so fest hält, wie in der Beschreibung versprochen. Der falsche Saum lässt sich relativ problemlos wieder lösen. Einen Großteil des Bandes kann ich danach einfach abziehen, aber ein Teil bleibt doch hartnäckig kleben. Ich wische zunächst mit einem feuchten Tuch daran herum, dann kratze ich mit dem Fingernagel und zum Schluß mit einem Messer. Wenn ich so weitermache, ist bald ein Loch im Stoff.Also kümmere ich mich zunächst einmal darum, den Saum jetzt richtig umzuschlagen und zu befestigen. Nachdem ich die Aktion mit dem Bügeleisen hinter mir habe, zeigt sich, dass durch den restlichen Kleister jetzt das Hosenbein zusammengeklebt ist. Aber mit roher Gewalt kann ich auch dieses Mißgeschick beheben.Da ich sowieso gerade waschen wollte, stecke ich die Hose einfach mit in die Maschine und hoffe, daß danach auch der überschüssige Klebstoff verschwunden ist.

Neugierig warte ich auf das Ergebnis, während ich die Zeit ausnutze, das Bügeleisen zu reinigen, welches aus irgendeinem Grund auch mit dem Klebzeug beschmiert ist.Tatsächlich, fast alle störenden Flecke an den Hosenbeinen sind weg – und die beiden Säume haben sich auch wieder gelöst!Auf dem Weg zum Schneider überlege ich mir dann, daß sich die bewußte „richtige Hausfrau“ inzwischen bestimmt schon eine ganze Hose genäht hätte.Aber habe ich jemals behauptet, eine Hausfrau zu sein?

Freier Fall

Ich bin ein sehr sportlicher Mensch. Zumindest hat schon vor langer Zeit ein Orthopäde einen Tennisellenbogen bei mir diagnostiziert, auch wenn ich nie einen Schläger in der Hand gehalten, geschweige denn Tennis gespielt habe. Immerhin interessiere ich mich aber für die unterschiedlichsten Sportarten – allerdings nur solange ich meine Teilnahme auf das Zusehen beschränken kann. Aber einen verrückten Wunsch habe ich schon seit Jahren, einmal Fallschirm zu springen.
Wie alt ich damals war, weiß ich nicht mehr aber ich erinnere mich, daß mir auf meine Frage, wie der Springer denn weiß wann er den Schirm öffnen muß, erklärt wurde, daß er vom Zeitpunkt des Absprunges an zählen muß. Nun ja, inzwischen gibt es Höhenmesser und sogar akustische Signale im Helm, also muß mein Interesse an diesem Sport wohl schon vor sehr langer Zeit geweckt worden sein.
Natürlich rechne ich nicht damit, daß mein Wunsch jemals in Erfüllung gehen wird. Als ich aber anläßlich einer Ausstellung des Luftsportvereins von der Möglichkeit des Tandemspringens erfahre, trage ich mich sofort in die Liste der Interessenten ein. Manfred, dem ich begeistert von meiner Absicht erzähle, dämpft meine Vorfreude etwas:
„So einfach wie du es dir vorstellst, ist das nicht. Zuerst mußt du das lernen.“
„Wieso denn lernen, ich springe doch Tandem, also hänge ich nur an jemandem dran, der es kann.“
„Aber sie werden dir erst mal das richtige Landen beibringen.“
„Wie denn ?“
„Du mußt dich beispielsweise von einem Tisch fallen lassen und über die Schulter abrollen.“
Nicht mit mir! So niedrig kann gar kein Tisch sein, daß ich mich freiwillig fallen lassen würde. Also kann ich wohl diesen Traum als „unerfüllbar“ abhaken und bin auch nicht besonders enttäuscht, daß sich der Luftsportverein nicht meldet.
Doch dann klingelt ganz unerwartet mein Telefon: „Sie interessieren sich doch für das Tandemspringen, können Sie auch kurzfristig kommen?“
„Wie kurzfristig?“
„Übermorgen, am Freitag.“
„Da habe ich frei, klar komme ich“ rufe ich begeistert. Aber dann setzt schnell die Ernüchterung ein:
„Springe ich am Freitag schon oder ist da erst ein Training?“
„Ihr Tandemmaster wird Ihnen einige kurze Erklärungen geben und dann steht Ihrem ersten Sprung nichts mehr im Wege!“
Etwas benommen lege ich den Hörer auf, aber dann mache ich vor Freude einen Luftsprung. Ich fühle mich, als würde ich schon jetzt auf Wolken schweben. Vom Tandemmaster hat sie gesprochen. Hoffentlich ist er mir sympathisch, immerhin werde ich ihm mein Leben anvertrauen. Ich wünsche mir einen Riesen, groß und stark wie ein Bär. Natürlich kann ich nachts kaum schlafen und am nächsten Tag im Büro erzähle ich allen, welches großartige Abenteuer mich erwartet. Die Reaktionen reichen von ungläubigem Staunen und Bewunderung bis zu: Jetzt spinnt sie komplett!
In der Nacht vor dem großen Tag sitze ich plötzlich schweißgebadet in meinem Bett. Bin ich denn verrückt geworden? Fallschirmspringen – das ist doch Wahnsinn! Jetzt geht mir alles durch den Kopf, was passieren kann. Es ist nicht mal so sehr die Angst, daß der Schirm sich nicht öffnet. Meine größte Sorge ist, daß mich im entscheidenden Moment mein Mut verläßt und ich mich dann schreiend an der Ausstiegsluke festklammere und mich absolut lächerlich mache. Wenn ich ehrlich bin, hat mich mein Mut schon jetzt verlassen!
Am nächsten Tag mache ich mich etwas kleinlaut und mit sehr gemischten Gefühlen auf den Weg zum Flugplatz. Bevor ich die Wohnung verlasse überlege ich tatsächlich kurz, ob ich nicht noch schnell mein Testament schreiben soll und gut sichtbar auf den Tisch legen. Blödsinn, das ist ja lächerlich, sage ich mir und schließe schnell die Tür. Hätte ich nicht schon überall mein tollkühnes Vorhaben angekündigt, vielleicht würde ich doch noch einen Rückzieher machen. Aber jetzt ist es zu spät, da muß ich nun durch, oder besser gesagt, da muß ich runter.
Wolfgang, der Tandemmaster erwartet mich schon. Kein bärenstarker Riese – eher klein aber drahtig und sehr sympathisch. Vor allem gelingt es ihm, mit wenigen Worten meine Ängste und Bedenken auszuräumen. Eine meiner nächtlichen Panikvorstellungen war nämlich gewesen, was passiert, wenn ich während des Fallens vor Angst nach Halt suchend an irgendwelchen Leinen ziehe, die für mich tabu sind? Wolfgang beruhigt mich:
„Sie können nichts so falsch machen, daß ich es nicht wieder richtig machen kann.“
Dann erklärt er mir die Gurte denen ich später mein Leben anvertrauen soll und zeigt mir die stabilen und absolut sicheren Haken, mit denen wir beide verbunden sein werden. Entgegen besseres Wissen habe ich bis zu diesem Moment noch gehofft, daß er mich auf seinen Rücken schnallt, dann könnte ich mich an ihm festklammern und würde mich sicherer fühlen. Aber natürlich sehe ich ein, daß es doch besser ist für uns beide, wenn Wolfgang nicht mich sondern die Fallschirme auf dem Rücken hat. Bei Tandemsprüngen nimmt er nicht nur einen sondern sogar zwei Reserveschirme mit, um Neulingen wie mir ein besonderes Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.
Bis zu meinem großen Moment dauert es noch etwas, also beobachte ich das rege Treiben auf dem Flugfeld. Außer den Fallschirmspringern nutzen auch die Segelflieger das herrliche Wetter. Neben mir sitzen einige junge Männer und unterhalten sich. Einer sagt gerade:
„Fallschirmspringen würde ich mir nicht zutrauen, aus 2.500 Metern Höhe aus einem Flugzeug springen, niemals!“
Ich drehe mich unauffällig zu ihm hin, Ende zwanzig wird er sein. Und ich? Über 50! Jetzt bin ich doch stolz. Allerdings... hat er 2.500 Meter gesagt? Ich dachte, ich springe aus 1.800 Metern! Die kleine Panikattacke ist schnell verflogen, denn ich sage mir, falls es wirklich schief geht, spielen die 700 Meter Höhenunterschied auch keine Rolle mehr.
Dann ist es soweit. Ich bekomme einen roten Overall, dessen Beine mindestens einen halben Meter zu lang sind. Da sie sehr weit sind und der Stoff sehr weich, lassen sie sich auch nicht richtig aufrollen, weshalb ich bei jedem Schritt drauftrete. Nachdem Wolfgang mich noch mit einer Pilotenbrille und einer ledernen Fliegerkappe ausgestattet hat, sagt er mit einem aufmunterndem Lächeln:
„Jetzt sehen Sie aus wie Amelia Erhard.“
Gut und schön, aber soweit ich weiß ist die doch nur geflogen und nicht aus dem Flugzeug rausgesprungen, oder doch? Ist jetzt sowieso egal, denn nun geht es los. Wolfgang erklärt mir, daß wir etwa zehn Minuten benötigen, bevor wir die entsprechende Höhe erreicht haben. Er fragt, wo ich wohne und gibt dem Piloten Anweisungen, in diese Richtung zu fliegen, damit ich meine Wohngegend mal von oben sehen kann. Ich bin sicher, daß das ein gut gemeintes Ablenkungsmanöver zur Beruhigung meiner Nerven sein soll, was ich auch anerkenne, aber nichts könnte mich momentan weniger interessieren als mein Haus von oben zu sehen.
Der Moment ist gekommen, wo die vielen Gurte und Haken aneinander befestigt werden. Dazu muß ich mich auf Wolfgangs Schoß setzen. Irgendwie komisch, ich kenne diesen Mann ja erst ein paar Minuten – auch wenn ich ihm gleich mein Leben anvertrauen werde. Ich versuche, mich möglichst leicht zu machen, was nur geht, indem ich mich mit den Zehenspitzen abstütze. Bequem ist das nicht gerade. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir dicht unter uns eine dicke, weiße, einladende Wolkenschicht. Da möchte ich gerne hineinspringen, aber Wolfgang sagt, daß wir nur bei klarer Sicht starten können. Inzwischen habe ich Krämpfe in den Beinen und vor Anstrengung fangen sie an zu zittern. Hoffentlich merkt er das nicht, sonst denkt er noch, mir schlottern vor Angst die Knie. Jetzt will ich nur noch raus und die Sache hinter mich bringen. Da die Wolken mittlerweile verschwunden sind stelle ich beklommen fest, wie winzig unter uns alles aussieht.
Wolfgang gibt das Startzeichen. Wir schieben uns gemeinsam zur Luke, ich halte todesmutig ein Bein hinaus und habe das Gefühl, daß es mir von der Windbö abgerissen wird. Erschrocken ziehe ich es wieder zurück. Der Pilot drosselt die Geschwindigkeit und ich starte den zweiten Versuch. Die Arme gekreuzt - wie ich es gelernt habe - halte ich mich an den Schultergurten fest. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit obwohl ich mir gleichzeitig sage, das ist als wolle sich jemand an den eigenen Hosenträgern aus dem Sumpf ziehen. Wie gesagt, die Arme sind gekreuzt, beide Beine draußen, die Augen fest geschlossen – davon hat zwar keiner etwas gesagt, aber sicher ist sicher. In mein Schicksal ergeben lasse ich mich fallen... Nach einem kurzen Moment denke ich, so schlimm wie ich es erwartet habe ist dieser freie Fall eigentlich gar nicht. Ganz vorsichtig öffne ich die Augen und stelle fest, daß ich auch noch gar nicht falle. Zwar hänge ich außerhalb des Flugzeuges aber Wolfgang sitzt noch in der Luke. Zeit zum Wundern bleibt mir aber nicht, denn jetzt stößt er sich ab. Was dann kommt ist der absolute Horror! Ich will schreien, kann aber nur den Mund aufreißen, es kommt kein Ton heraus. Wer schon mal auf der Autobahn bei Höchstgeschwindigkeit den Kopf aus dem Fenster gehalten hat, weiß was ich meine.
Wir fallen – kopfüber wie es mir scheint - mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern. Das Grauen scheint kein Ende zu nehmen. Dann werden wir plötzlich recht unsanft nach oben gerissen und mir stockt der Atem bis ich Wolfgangs beruhigende Stimme höre:
„Alles bestens, der Schirm hat sich geöffnet, genießen Sie jetzt die herrliche Aussicht.“
Vorsichtig öffne ich die Augen, zunächst traue ich mich kaum, mich zu bewegen. Mein ganzer Körper ist total angespannt und verkrampft. Aber bald hänge ich gemütlich in den Gurten, folge Wolfgangs Rat und genieße! Es ist wirklich traumhaft. Ganz langsam, in etlichen Schleifen schweben wir unserem Ziel entgegen. Für dieses unbeschreiblich atemberaubende Erlebnis werde ich jederzeit auch den entsetzlichen freien Fall wieder in Kauf nehmen.
Die Landung klappt perfekt – ich muß nicht über die Schulter abrollen. Voller Stolz marschiere ich zum Hangar, das Bild der strahlenden „Heldin“ nur minimal getrübt, durch die schleifenden Hosenbeine, die mich auch jetzt wieder einigemal fast zu Fall bringen. Im Nachhinein kann ich sagen, daß dies eigentlich der gefährlichste Teil meines Abenteuers war.